Die Kleinwasserkraftwerke sind auch in der Schweiz fast unzertrennbar mit ihrer langen Geschichte verbunden - es lohnt sich, bis zum Anbeginn auszuholen.
Das Wasserrad wechselt vom entdeckt zum vergessen werden. Die Römer plänkeln und protzen mit Technik, finden jedoch den Verschleiss von Heerscharen von Sklaven praktischer als innovative Mechanik und stolpern an der Schwelle der Industrialisierung, welche ihrer Kultur hätte das Überleben bringen können. Selbst heute noch gibt es Länder, in welchen Wasserräder kaum je angewendet worden sind - neben Muskelkraft wären diese für sehr arme ländliche Gebiete fast die einzige Möglichkeit, mechanische Energie mit lokalen Mitteln zu produzieren.
Im Mittelalter sind Mönche klüger. Christen sehen das Quälen von Mensch und Tier in Göppeln und anderen Laufwerken nicht gerne. Hinter Klostermauern kommt eine erste Art industriell durchorganisierter Produktion zustande - angetrieben von Wasserrädern. Viele der Wasserrechte werden noch tausend Jahre überleben.
Die Entwicklung der Städte ist seit dem Mittelalter eng an eine intensive Nutzung der Wasserkraft gebunden. Rings um die Siedlungen wird fast flächendeckend Wasserkraft genutzt, soweit sich dies mit im Wasser planschenden Brettern und sich füllenden Kübeln machen lässt - welche auf Speichenrädern montiert sind. In der Schweiz entstehen rund 10'000 Wasserradwerke für Stampfen, Walken, Reiben, Pressen, Hebewerke, Schmieden, Sägen und Mühlen. Könige treiben mit riesigen Wasserrad-Batterien Schöpfräder für die Springbrunnen ihrer Traumparks an.
Der Energiehunger der wachsenden Fabriken und die rapide wachsenden technischen Möglichkeiten entfachen ein Feuer an Innovationen, aus deren Glut schliesslich nur drei Königsturbinen emporsteigen: Pelton, Francis und Kaplan. Die Durchströmturbine und die später erfundenen (oder wieder erfundenen?) Turgo- und Deriazturbinen können Nischen besetzen. Umgekehrt wird das inzwischen mit Profilierung optimierte Wasserrad als Schaufelantrieb von Schiffen weiterentwickelt und symbolisiert zusammen mit der Erfindung der Dampfmaschine den neuen Zugang zur Welt und zum Erfolg einer Gesellschaft: Energie!
Der Energiebedarf lässt sich nicht mehr an Wasserkraftstandorte binden, und dieser Druck bringt die Erfindung der Elektrifizierung und die Verteilnetze. Dem Grössenwachstum der Turbinen scheinen nun keine Grenzen mehr gesetzt zu sein. Deren niedrigen Energieproduktionskosten läuten jedoch das Aus für die Wasserräder ein, welche zu wenig rasch drehen, zu viel Material benötigen und in der Leistung beschränkt sind. Lukrative Standorte werden auf Turbinenbetrieb umgebaut, die übrigen Wasserräder verlottern langsam, werden stillgelegt oder verkommen zum blossen Kulturobjekt. Der Stromwert sinkt und die Löhne steigen - das Verhältnis schrumpft während des 20. Jahrhunderts um den Faktor 10 und macht nun auch den Kleistkraftwerken den Garaus: Zwischen 1914 und 1973 schrumpft die Anzahl registrierter Kraftwerke auf ein Drittel, währendem die Wasserkraft-Landesleistung dank Grossanlagen auf das 16-Fache steigt. Die "weisse Kohle" wird zum Schlagwort und Markenzeichen der Schweiz.
Atomkraftwerke verbilligen den Strompreis weiter, was von 1973 bis 1985 die Kleinstkraftwerke (unter 300 kW) auf die Hälfte dezimiert - es verbleiben nur noch rund 700 Strom produzierende Anlagen, zuzüglich 400 rein mechanische Wasserwerke mit direkt antreibenden Turbinen und Wasserrädern. Wegen Ölkrise, Waldsterben und der Anti-AKW-Bewegung dämmert in der Öffentlichkeit die Notwendigkeit einer
Wende. Deshalb lässt das Bundesamt für Wasserwirtschaft (BWW) mit grossen Aufwand die Kleinwasserkraftwerke zählen (später wird es keine absolute Zählung mehr geben). Per 1. Januar 1985 resultieren 980 stromproduzierende Anlagen bis 10 MW - eine Grössenordnung, welche sich seither bei weiterhin steigender Landesleistung stabil verhält. Anfangs der achtziger Jahre dürfte der Tiefstpunkt bei der Anzahl der in Betrieb stehenden Kleinstkraftwerke erreicht sein, weil der Zubau von Trinkwasserkraftwerken die Stilllegung von Kraftwerken an Fliessgewässern auszugleichen beginnt.
mehr wird folgen....